ERWACHSENSEIN

Erwachsensein – ein Privileg oder ein Befehl?             von Anja Krystyn

Jedenfalls nichts Freiwilliges, von dem man/frau sich abmelden könnte wie von einem Freifach in der Schule. Ist zu langweilig, verschieben wir es aufs nächste Jahr. Geht leider nicht, die Einberufung zum Erwachsensein erfolgt garantiert, Untauglichkeit ausgeschlossen. Desertieren geht nur bei mentaler Zurückgebliebenheit, und wer will das schon.

Die Vernunft soll alles regeln

Also kämpfen wir das Leben direkt aus den Kinderschuhen mit scharfen Waffen, egal, ob wir sie beherrschen oder nicht. Entsprechend sieht die Erwachsenenwelt aus. Ein Jonglieren zwischen sekundären Geschlechtmerkmalen und dem Versuch, diese zu beherrschen. Die neue Kraft im Gehirn macht`s möglich. Vernunft nennen wir sie, den Leitfaden allen Handelns, der das kindlich primitive „Ich will“ ersetzen soll.

  • Einfach toben, um etwas zu bekommen? Unmöglich, jetzt bitte höflich fragen und sich auf jeden Fall einen Anwalt nehmen.
  • Dem Nachbarn das größere Stück Kuchen einfach vom Teller fressen? Unmöglich, jetzt bitte einem Kunden faule Kredite aufschwatzen und dann dessen Wohnhaus samt Kuchenregal ersteigern.
  • In der Öffentlichkeit weinen wie früher als Kind, wenn mir danach zumute war? Unmöglich, jetzt bitte das Gesicht wahren und Antidepressiva nehmen.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen und sollte unbedingt befolgt werden.

Wer will schon als infantil gelten?

Vernunft macht alles möglich und sich selbst in unseren Gehirnen breit wie ein alles vernebelnder Vorhang. Er drückt die Gefühle hinter die Sachzwänge, unbedingt und alternativlos. Niemand wagt sich zu entziehen und als infantil abgestempelt zu werden.

Wie eine Lawine rollt das Sollen und Müssen über uns hinweg. Das Kindliche wird in die unterste Etage des Seins geschüttet. Dort soll es gefälligst bleiben und sich höchstens beim Balzverhalten um den besten Geschlechtspartner nach oben wagen. Da ist nämlich kindliche Lust gefragt, sonst funktioniert es nicht, zum Glück. Aber bitte nichts ausufern lassen, der Kopf muss immer dabei bleiben.

Glaubt jemand ernsthaft, dass Gefühle diese Gewalt nicht rächen?

Sie springen als Sand ins Getriebe des Erwachsenseins und stören seinen Lauf. Manchmal bis zur völligen Blockade, die von Medizin und Psychologie mit blumigen Diagnosen bedacht wird.  Heilung gibt es selten, Pech gehabt, die Waffen der Vernunft sind machtlos.

Er-wachsen hat mit Er-wachen zu tun.

Demnach verharren wir alle im Dauerschlaf. In den Momenten des Wachwerdens sieht man die Welt viel klarer als die Vernunft es jemals vermag. Müssen und Nicht-Dürfen verschwinden zugunsten der Frage: „Was tut mir wirklich gut?“ Eine kindlich weise Frage, die Kinder nie stellen, sondern leben. Wir Erwachsenen stellen sie und leben sie nicht.

Das ist wohl der einzige Unterschied zwischen den Kleinen und den Großen. Verständlich, wenn jemand sich nicht entscheiden kann, auf welcher Seite der Schwelle er/sie stehen will. Bis es für alle klar und eindeutig gut ist, sollten wir das Wort „Erwachsen“ aus unserem Wortschatz streichen.

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