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Medikament ist keine Lösung gegen Alkoholsucht

von Anja Krystyn
erschienn in derStandard.at

Wieder wurde ein neues Medikament gegen Alkoholkrankheit angekündigt. Durch Blockade des Botenstoffes Dopamin im Gehirn soll es die Lust auf Alkoholexzesse bremsen.

350 000 Betroffene
Ist das die Antwort auf die stetige Zunahme alkoholabhängiger Menschen in unserem Land? 350.000 sind es, der Anstieg betrifft vor allem junge Frauen. Etwa eine Million Menschen ist von Alkoholsucht bedroht.

Glaubt irgendjemand ernsthaft, man könnte diese Entwicklung mit einem Medikament stoppen? Wieder einmal wird versucht, ein Symptom zu bekämpfen und den Flächenbrand dahinter zu verschleiern.

Alkohol ist eine salonfähige Droge, das akzeptieren wir seit langem. Erfolge gehören begossen, eine Party ohne Alkohol ist wie Olympia ohne Medaillen. Dass manche ihren Untergang begießen, und zwar täglich, ist ein Tabu. Weil die Gründe dafür tabu sind. Überforderung, Verzweiflung und das Schlimmste: Einsamkeit.

Alkoholkrankheit beginnt schleichend, mit einem Bier täglich, dann zwei, dann etwas Härterem. Immer ist ein Problem dabei, eine schwierige Lebenssituation, über die er/sie nicht sprechen will oder kann.
Diese Menschen sind keine Kranken, sie leben mitten unter uns. Der Griff zum Glas könnte verhindert werden, wenn er/sie das Problem mit jemandem besprechen könnte.

Frauen besonders gefährdet
Aber genau dafür schämen sich viele. Versagen einzugestehen gehört nicht zum Ideal unserer Leistungs-
gesellschaft. Sie erwartet belastbare Multitasking-Persönlichkeiten. Dass besonders junge Frauen sich diesem Druck gnadenlos ausliefern, wundert nicht. Die Superfrau ist in allen Medien präsent. Sie hängt sich rein, setzt sich durch, packt es allein, ohne Hilfe, ohne Zuspruch. Wer es nicht schafft, ist selbst schuld. Und fühlt sich schuldig.

Wenn die Seele Trost und Zuspruch braucht, interessiert es niemanden. Diese Ebene des Seins wird zunehmend ausgeblendet. Was zählt, ist Mitschwimmen in der Flut ständiger Information, allzeit abrufbar. austauschbar, oberflächlich. Mit jedem wird kommuniziert, aber nur die Sonnenseiten bitte. Über alldem liegt eine Wolke entsetzlicher Einsamkeit.

Medikament ist keine Lösung
Ist irgendjemand von uns darauf trainiert, Trost zu geben oder auch nur zu bemerken, dass es dem Nachbarn oder Kollegen elend geht? „Ich habe genug eigene Probleme“ ist das Argument, um nicht hinzusehen.
Wenn jemand Trost im Trinken sucht, ist das nicht nur seine, sondern unser aller Verantwortung. Diese auf ein Medikament abzuschieben ist zynisch. Damit wird das Problem nicht gelöst, sondern verschlimmert.

Der Frühling ist da, Zeit für Tatkraft und neue Pläne. Es gibt Menschen, denen der Mut für neue Pläne fehlt, weil sie vom Leben niedergeschlagen sind. Es könnte dieser Frühling sein, in dem sie das erste Mal zur Flasche
greifen. Zeit für jeden von uns, hinzusehen und diese Menschen aufzufangen.

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