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Multiple Sklerose: Verdiente Hoffnung

von Anja Krystyn
erschienen in derStandard.at

Wieder einmal wurde von einer österreichischen Tageszeitung („Kurier“ 21.5.2012) der Versuch unternommen, Multiple Sklerose der breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen. Ein löbliches Unterfangen, zumal diese Krankheit noch immer mit negativen Vorurteilen behaftet ist.
Die Beschreibungen, was im Gehirn geschieht, waren auch für Außenstehende gut verständlich. Ebenso der Fortschritt der Diagnostik, wodurch die Krankheit früher erkannt werden kann.

Von Hoffnung wird viel gesprochen
Weniger verständlich sind mir die betont positiven Berichte über die Therapie. Seit über 20 Jahren, in denen mich diese Krankheit begleitet, höre ich immer wieder Vielversprechendes, von neuen Medikamenten, Beobachtungsstudien, besseren Krankheitsverläufen, von Aussicht auf noch bessere Medikamente. Immer ist das Wort „Hoffnung“ dabei und der abschwächende Konjunktiv.

Wenig bis nichts höre ich über die Ursache der MS. Weil sie, trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung, unbekannt ist. Ein fehlgesteuertes Immunsystem schädigt das zentrale Nervensystem. Warum es das tut, wird, laut Experten, auch in absehbarer Zeit im Dunkeln bleiben.

Ursachen immer noch unbekannt
Kann man eine Krankheit wirksam bekämpfen, deren Ursache man nicht kennt? Ich denke nicht.

Tatsache ist, dass die als großer Fortschritt gepriesenen Medikamente nur bei 30 Prozent der Betroffenen den schubhaften Krankheitsverlauf verbessern können. Zudem müssen die Patienten sorgfältig ausgewählt werden, da nicht alle die Nebenwirkungen vertragen. Bei der sogenannten „sekundär progredienten“, also sich langsam verschlechternden Form der MS wirken die Medikamente gar nicht.

Welchen Beitrag leistet die Medizin zur Ursachenforschung? Was tut sie tatsächlich für den Patienten, den sie für „unheilbar“ erklärt?

Einseitige Anamnese
In meiner langen Krankengeschichte haben die Ärzte sich für Symptome und Befunde interessiert. Medikamente wurden mir empfohlen, ansonsten keine Fragen gestellt. Der Mensch, in dem sich die Krankheit eingenistet hat, interessiert den Arzt nicht. Die persönliche, familiäre, berufliche Situation spielen in der Anamnese kaum eine Rolle.

Im besten Fall kommt der Rat, „kürzer zu treten“, was auch immer das bedeuten soll. Ansonsten bleibt der
Patient dem vielleicht wirksamen Medikament und der Hoffnung überlassen, der nächste Tag möge gut und das Schicksal gnädig sein. Carpe diem!

Studien der Neuropsychoimmunologie zeigen, dass das soziale und psychische Umfeld eines Menschen einen wesentlichen Einfluss auf sein Immunsystem haben.
Dauerhaft belastende Umstände können zu einer fehlerhaften Immunreaktion führen. Ebenso logisch ist für mich, dass ein bereits empfindliches Zentralnervensystem bei ständiger Belastung erkrankt.

Warum hauptsächlich in Industrieländern?
Es ist kein Zufall, dass MS vor allem in industrialisierten Ländern auftritt, also Ländern der Leistungsgesellschaft. Dies nur mit der geografischen Lage zu erklären, reicht nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass die Lebensweise dieser Gesellschaften manche Nervensysteme überfordert. Tragisch dabei ist, dass die Zahl der Erkrankungen zunimmt und die Patienten immer jünger werden.

Warum weigern sich die Ärzte weiterhin, den Zusammenhang zwischen Lebensumständen und Ausbruch der MS als wesentlich anzusehen und zu untersuchen?
Die Krankheit beginnt meist in jungen Jahren und begleitet den Menschen lebenslang. Sie betrifft die Motorik, die Augen, die Blase, die Sensibilität, das Gleichgewicht, die Psyche. Der ganze Mensch ist aus dem Lot. Ist die Wissenschaft wirklich so beschränkt zu glauben, sie könne die Lösung für diese komplexe Krankheit im Labor finden?

Lebensumstände mit einbeziehen
Wohlgemerkt: als Lösung schlage ich nicht alternative Heilmethoden vor, sondern eine Analyse der Lebens-
umstände und deren Auswirkung auf den erkrankten Menschen.
Ihn bei dieser Analyse und der folgenden Änderung des Umfeldes zu unterstützen, gehört zur Aufgabe eines
modernen Mediziners. Nicht reine Auswertung von Befunden, sondern menschliche Kompetenz und echte
Kommunikation sind gefragt. Solange sich das Wesentliche im Leben des Patienten nicht ändert, werden
Medikamente langfristig nichts bringen.

Angesichts der Dramatik, die die Diagnose Multiple Sklerose nach wie vor bedeutet, sollte die Medizin ihren
Horizont endlich erweitern. Dann wird der Arzt dem Patienten das geben können, was diese Krankheit verdient: Hoffnung.

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